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"Medina"

geschrieben von Sylvia Schöningh-Taylor zu "In der Stadt"

In der Stadt

Tagelang irrte die Träumerin  durch die kalte Großstadt. Ihr suchender Blick zerschellte immer wieder an den scharfen Kanten der Wolkenkratzer, ihre Augen geblendet von blitzenden Glasfassaden. Dies war eine sichere, klare Welt. Hier gab es keine Schatten auf den großen Plätzen, über die sich dicht an dicht moderne Limousinen beinahe lautlos schoben. Polizisten standen an den Ecken und trugen nonchalant ihr Maschinengewehr unter dem Arm zur Sicherheit der Bewohner. Den Limousinen entstiegen Männer in dunklen Anzügen, ihre Laptops aus elegantem, schwarzen Leder als neuen Körperteil an sich tragend. Ja, sicher war es hier, aber die Funktionalität dieses Ortes breitete eine große Leere aus in ihrem Herzen.  Ach, wie sehnte sie sich nach Lebendigkeit! Dann war sie auf die Bettlerin unter der Brücke gestoßen und hatte sie nach dem Weg aus der sicheren Ödnis gefragt. Sie war es gewesen, die sie zu der kleinen Pforte in der Mauer geführt hatte.
 
Die Gasse war sehr eng und dunkel. Als sie aufschaute, schien der Himmel wie ein geheimnisvoll leuchtender azurblauer Streifen, der über dem Labyrinth der Altstadt flatterte. Schließlich gelangte sie auf einen kleinen Platz. Frauen in langen Gewändern in der Farbe des Himmels trugen Körbe auf ihren Köpfen und Babies auf ihrem Rücken. Kinder rannten über das ausgetretene Pflaster, lachend, lebensfroh. Vor einem Cafe mit blinder Fensterscheibe saßen alte Männer in langen, schmutzigen Galabiyas um Wasserpfeifen. Blau entstieg der Rauch ihren zahnlosen Mündern und vermischte sich mit dem Dunst des offenen Holzkohlefeuers. Der Geruch verbrannter Fischschuppen und die scharfen Ausdünstungen der Ziegen und Esel ergaben ein Aroma, das der Träumerin ein Gefühl von Heimat vermittelte. Das war eine elementare Welt und es war die ihre. Diese Welt war uralt und weiblich, sie strömte Wärme und Geborgenheit aus. Es würde sie nicht wundern, wenn über der Medina die große Göttin thronte, Mauern, Mensch und Tier in Ihren Armen tragend.
 
Freilich spürte sie auch die Unberechenbarkeit der großen Durga. Im ewigen Kreislauf des Lebens, das aus ihrem Schoß hervorbrach, war sie Geburt und Tod zugleich. Die Träumerin spürte Werden und Vergehen im Menstruationsblut in ihrem eigenen Leib. Sie sah das leuchtendrote Blut, das den Hälsen der frisch geschlachteten Zicklein entströmte.  Sie sah die Krüppel im Schatten der Gasse kauern, ihre bläulich blinden Augen ins Leere starren. Auf dem Markt sah sie die Panik in den Augen der feilgebotenen Tiere, die auf ihre Schlachtung warteten. Einen kurzen Angstmoment sehnte sie sich zurück nach der sauberen Sicherheit der männlichen Welt. Dann aber siegte die Göttin in ihr. Sie wollte Ekstase, sie wollte alles fühlen, die Lust und die Angst, Leidenschaft und Tod. Sie war bereit, das Leben zu umarmen. Werden und Vergehen, Geburt und Tod, Liebe und Schmerz gehörten zusammen.
 
Sie erwachte und wusste sofort, was dieser Traum zu bedeuten hatte: Sie würde den Weg des Vertrauens gehen, was auch immer dazu gehörte.
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Letzte Änderung:
4. November 2016 15:20:04

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