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"Rodriguez mit dem kleinen Kopf"

geschrieben von Anke Brettnich zu "Mann mit Hut"

Mann mit Hut

Er heißt Rodriguez und er ist ein schöner, stolzer Mann. Als er eines Tages in ihr Leben tritt, weiß Johanna nicht, wie ihr geschieht. Johanna ist Anfang 30 und langsam wird es Zeit, den Mann fürs Leben zu finden, denkt sie. Doch weit und breit ist kein geeignetes Mannsbild zu sehen, manchmal vernascht sie einen auf dem Nachhauseweg von der Bar oder ab 2 Uhr morgens einen vom Straßenfest. Sie greift sich die Männer und macht sie glauben, sie seien die größten Eroberer. Aber ihr Durst nach „einem anderen, einem echten Mann“ wird nie gelöscht, nach einem, der sensibel und maskulin zugleich ist, der Verantwortung übernimmt und mit Weitsicht mit ihr durchs Leben segeln will.
 
Doch jetzt gibt es Rodriguez. Ein Gentleman, der ihr Herz im Sturm erobert hat, der sie bei jedem Gedanken an ihn erzittern lässt. Er tauchte ganz plötzlich auf. In einem schicken Café war ihr ein Stift aus der Tasche gefallen, ein vollendeter Kavalier hob ihn würdevoll auf, reichte ihn ihr mit großer Distanz. „Ihr Stift, Mademoiselle“, hatte er nur gesagt. Mit tiefer Stimme, die sie wohlig durchfuhr. Johanna, sonst kein Kind von Traurigkeit, dankte schüchtern. Ein Augenblick nur, doch sie war infi­ziert von diesem geheimnisvollen Fremden.
 
Er trug einen dicht gewebten Mantel in Hellgrau. Auch als sie ihn später in diesem Café wiedersah, hatte er diese stolze, zurückhaltende Körperhaltung, die sie so beeindruckte. Er war so groß, dass sein schmal geschnittenes Gesicht schon fast zu klein für seine Statur wirkte. Nach und nach waren sie ins Gespräch gekommen und es war eine tiefe Anzie­hung entstanden. Johanna wollte mehr, wollte den ganzen Rodriguez. Doch der stolze Mann war nie aus der Façon zu bringen. Noch nie hatte er sie besitzen wollen. Formvollendete Küsse, geistreiche Gespräche über das Leben und das Sein – ja. Aber dann war Schluss. Johanna wollte ihn knacken, alles aus ihm herausholen, ihm seinen schweren Mantel von den Schultern reißen. Doch der schien wie festgewachsen.
 
Nach einigen Monaten des Glücks und der Frustration gleichermaßen ließ sie ab, wendete sich dem Nachtleben zu, badete in Kontaktanzeigen und tat alles, um ihn zu vergessen.
Rodriguez schritt in dieser Zeit weiterhin würdevoll durch das öffentliche Leben. Mit gesetzten Schrit­ten und gemäßigter Mimik. Und keiner sah, was er nachts in seiner Villa tat: Er rupfte sich Stoffreste aus seiner Haut. Schon einmal hatte er eine große Liebe und ein glückliches Familienleben verloren, weil er nicht aus seiner Hülle konnte. Er wollte das jetzt ändern, erst einmal heimlich. Es tat sehr weh, manchmal gelang es ihm nur, ein paar Millimeter des Mantels von seinem Körper zu reißen, ein anderes Mal fielen große Fetzen herab. Darunter blutete er.
 
Endlich war der große Tag gekommen. Johannas Geburtstag. Rodriguez wusste, sie würde in einer mondänen Bar feiern. – Es ist Mitternacht. Eine Tür öffnet sich. Herein tritt ein großer stolzer Mann mit einem fast zu kleinen Kopf. Er tritt auf die beleuchtete Tanzfläche, knöpft seinen schweren Mantel auf, lässt ihn fallen und präsentiert dem Publikum seinen entblößten Leib, blutig und verschorft. Die schöne Johanna fällt ohnmächtig vom Barhocker.
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Letzte Änderung:
1. November 2017 20:58:42

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