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"Wenn ich male, vergesse ich alles"

Dezember 2017 / Frankfurter Neue Presse 

Die Künstlerin und pensionierte Lehrerin Ingrid Stolzenberg aus Niederdorfelden hat einen bewegten Lebenslauf. Ebenso bewegt und bewegend ist ihre Kunst.

Ingrid Stolzenberg in ihrem Atelier, in dem sie gern stundenlang abtaucht

Wenn bei Ingrid Stolzenberg die Tür aufgeht und Border Collie Dame „Socke“ den Besucher schwanzwedelnd ins Haus geleitet, merkt man sofort: Hier ist die Kunst allgegenwärtig. Große Gemälde lehnen an Möbeln, hängen an der Wand, Holzarbeiten zieren die Böden, und überall ziehen kleine Bildarbeiten die Blicke auf sich.

Ein Bild fällt aufgrund seiner Aktualität ganz besonders ins Auge: Es ist ein Flüchtlingszug, schemenhaft dargestellt und doch ganz eindringlich. „Ich habe immer Themen, an denen ich mich abarbeite“, sagt Ingrid Stolzenberg.

Das Thema Flucht tangiert ihr Leben gleich in vielerlei Hinsicht. Die 69-Jährige ist in der Flüchtlingshilfe aktiv, lehrt die deutsche Sprache und hilft so den Ankommenden, sich besser zu integrieren.

Harte Umstellung als Kind

Denn in der Fremde landen, das kennt sie selbst. Fünf Jahre alt war sie, als ihre Familie 1953 Hals über Kopf die kleine Stadt Reichenbach im Voigtland verließ, um in den Westen Deutschlands überzusiedeln. Ihr Vater, im Osten ein angesehener Chirurg, hatte sich zu kritisch geäußert und zog es vor zu gehen.

„Ich weiß, dass ich Angst hatte“, sagt Ingrid Stolzenberg. Ein Aufbruch in die Fremde. Über Berlin ging es in ein Gießener Flüchtlingslager. Eine harte Umstellung. „Wenn man im Wohlstand gelebt hat, sogar Hausangestellte hatte und sich dann plötzlich für Essen anstellen muss, dann ist das als Kind schon schwer zu verstehen“, erklärt sie.

Doch der Vater fasste wieder Fuß als Arzt, gründete 1955 eine Praxis in Frankfurt. Es war jenes Schicksalsjahr, in dem Ingrid und ihre zwei älteren Schwestern ihre Mutter an Leukämie verloren. Keine Möglichkeit des Abschieds: „Meine Mutter ging einfach ins Krankenhaus und kam nie wieder. So ging man damals damit um.“ Für die Kinder eine unfassbare Katastrophe. „Mein Vater war heillos überfordert mit uns drei Mädels allein. Zumal er ja auch noch seinen Beruf hatte.“

Doch Ingrid ging tapfer ihren Weg. Nach dem Abitur an der Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt 1964, begann sie mit dem Lehramtsstudium. In der Examenszeit wurde sie schwanger. „Ich würde heute vieles anders machen“, sagt sie. „Ich habe mit der Schule, mit dem Muttersein und mit der Ehe gleichzeitig angefangen, das war schon viel auf einmal.“

1978 bezog sie mit ihrer Familie ihr Haus in Niederdorfelden und begann kurz darauf mit ihren ersten Malkursen. Doch das schnöde Abmalen langweilte sie. Über die Gründung des Bad Vilbeler Kunstvereins lernte sie die Malerin Barbara Vogt kennen, die ihr den Schlüssel zur Kunst überreichte: „Durch sie hat mir das Malen immer mehr Spaß gemacht. Sie hat mich zum Ausprobieren animiert, zum Muthaben. Und mir immer auch mal andere Perspektiven aufgezeigt.“

Sie mag schöne Körper

Akribisch malen kann sie zwar, sagt Stolzenberg, es sei aber nicht ihre Intention. Das Schönste an der Kunst sei doch, dass man ohne Worte ganz frei Emotionen ausdrücken könne, Dinge die einen berührten, so die Künstlerin.

Ingrid Stolzenberg liebt schöne Körper. Und interpretiert gern Fotos. Beeindruckend interpretierte Akt- und Tanzfotografien finden sich also gehäuft unter ihren Arbeiten. Sie male die Fotos nicht ab, vielmehr seien diese ein „Anlass“ für sie. Am liebsten malt sie mit Öl. „Weil ich so viel mit den Händen mache. Das lässt sich so gut verwischen!“

Seit 2010 ist Ingrid Stolzenberg in Pension. Nun hat sie endlich die Zeit, nach Herzenslust in ihrem Atelier zu verschwinden. Wenn sie da wieder rauskommt, sieht sie immer „aus wie eine Sau“ sagt, sie. Eine glückliche allerdings. Denn das kreative Schaffen, habe für sie schon einen fast therapeutischen Effekt. „Ich vergesse alles Mögliche wenn ich male“, sagt sie. „Ich bin dann nur im Hier und Jetzt.“

Hanja C.Protzel (hcp)

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Letzte Änderung:
19. Dezember 2017 14:12:18